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Fachgebiet Mikrosystemtechnik
Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Wehl
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Tintendrucktechnologie
Paradigma und Motor der Mikrosystemtechnik
Teil1: Jahrgang 103 (1995) Heft 6, Seite 318 - 324
Teil 1: Stand der Tintendrucktechnologie - Zwang zur Mikrosystemtechnik
Abstract
"Wo gibt es sie denn schon, die kommerziell erfolgreichen Produkte
der Mikrosystemtechnik?" Eine Frage, die einem bisweilen selbst von Experten
noch gestellt wird. Dabei hat sich diese Zukunftstechnologie ohne viel
Aufhebens längst in der Welt des Tintendrucks etabliert. Design und
Herstellung käuflicher Tintendruck-Mikrosysteme sind jedoch in vielen
Details nicht konsistent. Der erste Teil dieses Beitrages erläutert
den Stand der Tintendrucktechnologie und zeigt warum auf diesem Gebiet
zukünftig kein Weg an der Mikrosystemtechnik vorbeiführt.
Inkjet technology: Paradigm and driving force of micro system
technology.
"Where are the commercial successful products of the micro system
technique?" A question, which is even asked by experts. As well this future
technology has already established in the world of inkjet without making
a fuss. However design and production of available inkjet micro systems
are inconsistent in many details. The first part of this paper illustrates
the state of inkjet technology and points out, why in future micro system
technology is cogent neccesary in this field.
Deutschland - Pionierland !
Nachdem sie jahrelang ein Schattendasein neben den dominierenden
Nadel- und Laserdruckern führten, von vielen wegen ihrer Unzuverlässigkeit
und Empfindlichkeiten gar nicht ernst genommen wurden, haben sie inzwischen
die gesamte Konkurrenz überrollt: die "Tintendrucker" (Wohlgemerkt
nicht Tinten
strahldrucker, wie immer noch einige diese Drucker nennen.
Denn: Tinten
strahldrucker arbeiten nach dem Continuous-Jet-Verfahren
und werden vornehmlich zum Markieren und Kodieren eingesetzt
[1,10].).
Der Markterfolg der Tintendrucker kommt nicht von ungefähr: Haben
sie doch längst ihre Kinderkrankheiten überwunden und können
heute Ihre Vorteile ausspielen: Sehr gute Druckqualität, preiswert,
geräuscharm, portabel, kein Ozonausstoss, wenig Energiebedarf und
deshalb sehr umweltfreundlich. Und wer miterlebt hat, wie sich Farbe schon
bei Fotografie, Fernsehen und am PC-Monitor durchgesetzt hat, und weiß,
dass sich nur mit Tinte gut und preiswert farbig drucken lässt [9],
wird erst recht nicht an der Zukunft dieser Technik zweifeln.
Das Geschäft mit Tintendruckern boomt seit ein paar Jahren, gleichwohl
inzwischen leider ohne deutsche Beteiligung! Dabei haben Deutsche, wie
nicht nur bei Fotografie, Fax und Computer, hier die Pionierleistung vollbracht.
Es war das Haus Siemens mit einer Gruppe um Prof. Heinzl (heute Technische
Universität München) dem es erstmals gelang, ein "Drop-on-Demand-Prinzip",
damals noch mit piezoelektrischen Aktoren [8], marktreif
zu entwickeln [2] (Bild
1 und 2). So wurde mit dem PT 80i schon
1977 der erste Tintendrucker vorgestellt. Selbst für Insider war er
eine Revolution, schaffte er es doch mit "nur" zwölf Düsen, immerhin
270 Zeichen in der Sekunde nahezu geräuschlos zu drucken.
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| Bild 1: Wegbereiter des Tintendrucks: Das Drop-on-Demand-System
mit Piezoröhrchen von Siemens |
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| Bild 2: Filigran, dennoch für heutige Verhältnisse
recht voluminös; ein Querschliff durch den PT88S-Druckkopf mit neun
Piezoröhrchen, Nachfolger des legendären PT80i von Siemens. Oben
rechts zum Verglech der DPH50-Chip (vg. Bild
5) und Mitte rechts der Mikrosystem-Chip
(vgl. Bild 2 im 2. Teil) |
Der PT 80i war jedoch schon der Anfang vom Ende in Deutschland.
Die Leidensgeschichte des deutschen Tintendrucks dauerte freilich noch
16 Jahre. Gerade weil man in der Pionierzeit noch ohne ernsthafte Konkurrenz
war, ansehnliche Stückzahlen herstellte und gute Preise erzielte,
glaubte man im oberen Siemens-Management lange Jahre nicht an die Zukunft
des Tintendrucks. Als dann ab 1984 Tintendrucker zunächst von Epson
(SQ-2000 ebenfalls mit piezoelektrischen Aktoren) und kurz darauf von Hewlett
Packard (ThinkJet) und Canon (BJ-80) mit der bahnbrechenden "Bubble-Jet-Technologie"
auf den Markt kamen, schaffte man es hier nicht mehr, den Anschluss zu
finden, war man doch mit der eigenen "Piezoröhrchen-Technik" zehn
Jahre lang keinen Schritt weitergekommen.
Trotz eines (restriktiven) Lizenzvertrages mit Canon scheiterten zunächst
Siemens und nach Betriebsübergängen des Druckerwerkes auch Mannesmann
und Kodak, in Deutschland erfolgreich Tintendrucker zu produzieren. Ende
1993 schließlich schloss die Eastman Kodak Company, Rochester die
Inkjet Systems GmbH & Co.KG, die als Rest der ehemals führenden
deutschen Tintendrucktechnologie übriggeblieben war. Parallele Versuche
in Deutschland von Philips und Olympia, auf diesem Gebiet Fuß zu
fassen, misslangen ebenfalls.
Thermoelektrische Tintendruckwerke (Bubble-Jet)
Wie
Bild 3 zeigt, hat die Tintendrucktechnologie in
ihrer fünfzigjährigen Geschichte eine Menge verschiedener Prinzipien
hervorgebracht. Wieso haben sich gerade die Druckwerke mit thermoelektrischen
Wandlern (gemeinhin Bubble-Jet genannt) durchgesetzt? Hatte anfangs noch
mancher Entwickler von Piezodruckwerken geschmunzelt, als ihm ab 1977 die
ersten Bubble-Jet-Patente aus Japan auf den Tisch kamen, sollte ihnen jetzt
das Lachen vergehen, denn Tintendrucker mit Bubble-Jet-Druckköpfen
eroberten in wenigen Jahren die Verkaufshitparaden. Warum aber war dieses
Verfahren so genial und revolutionär? Nun, wie eigentlich immer in
solchen Fällen, lag es vor allem an den Herstellkosten... Mussten
die Piezodruckwerke, in Design und Herstellung nicht konsistent, mehr oder
weniger mühsam aus vielen Einzelteilen zusammengebaut werden, so werden
die Bubble-Jet-Tintendruckköpfe als Chips auf Siliziumwafern zu Hunderten
in Dünnfilmtechnik hergestellt
[4,5].
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| Bild 3: Die Tintendrucktechnologie hat sehr viele Varianten
hervorgebracht. Für Bürodrucker nutzt man heute nur noch Piezo-
und Bubble-Jet-Verfahren |
Herstellung
Die Herstellprozesse der Dünnfilmtechnik
[3]
überschneiden sich weitgehend mit denen der Halbleitertechnik. Tintenkanäle,
Düsen, Aktoren und elektrischen Leitungen entstehen, indem man wechselweise
auf den Wafern Schichten aufbringt (z. B. durch Sputtern oder CVD-Prozesse)
und diese Schichten anschließend strukturiert. Dazu wird zunächst
auf die Wafer ein lichtempfindlicher Lack aufgeschleudert und über
eine Maske örtlich belichtet. An den belichteten Stellen lässt
sich der Lack (Positivresist) partiell entfernen. Durch den Lack nicht
mehr geschützt, lassen sich dort danach neue Schichten aufbauen oder
die darunterliegende(n) Schicht(en) wegätzen.
Auf diese Weise entstehen nach insgesamt weit mehr als hundert solcher
Fertigungsschritte auf einem Wafer gleichzeitig viele Bubble-Jet-Chips
(Bild 4, 5 und 6).
Alle Strukturen müssen auf den tausendstel Millimeter in sich und
relativ zueinander genau sein. Jede kleinste Verunreinigung bei der Herstellung
führt zum Ausfall, weshalb man Bubble-Jet-Chips in vergleichbaren
Reinräumen und mit den gleichen Maschinen herstellen muss, wie sie
in der Halbleiterfertigung üblich sind.
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| Bild 4: Schichtaufbau eines Bubble-Jet-Systems (nicht maßstäblich) |
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| Bild 5: Der 50düsige Bubble-Jet-Chip (Edgeshooter-Typ)
des Kodak Diconix 701 von Inkjet Systems, Berlin |
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Bild 6: Da Bubble-Jet-Tintendruckköpfe nicht die (fast)
unbegrenzte Lebensdauer der Piezotintendruckköpfe erreichen, sind
alle Bubble-Jet-Hersteller dazu übergegangen, austauschbare Tintendruckköpfe,
bei denen mit der Tinte auch der Siliziumchip ausgetauscht wird, anzubieten.
1: Kontaktplatte, 2: Bubble-Jet-Chip, 3: Kappe,
4: Alu-Trägerplatte, 5: Tintenzufuhrloch, 6: Gehäuse, 7: Filter,
8: Schwamm, 9: Deckel |
Es liegt auf der Hand, dass sich durch die gleichzeitige,
teilweise automatische Bearbeitung vieler miniaturisierter Chips auf einem
Wafer die Herstellkosten trotz hoher Investitions- und Entwicklungskosten1
für Reinräume und Maschinen drastisch reduzieren lassen. Nur
noch die Chipfläche, die Zahl und Art der Prozesse, die Stückzahl
und Fertigungsausbeute, hingegen jedoch nicht die Düsenzahl und Druckauflösung
des Bubble-Jet-Chips, bestimmen seine Kosten. So kostet ein moderner 300
dpi-Druckkopf mit mehr als hundert Düsen heute weniger als ein Zehntel
eines früheren mit nur zwölf Piezoröhrchen.
Da Bubble-Jet-Druckköpfe, wie beschrieben, in vielen Schritten
auf die gleiche Weise wie Integrierte Schaltungen hergestellt werden, ist
es naheliegend, letztere gleich mit in den Chip zu integrieren, den Chip
also zum Mikrosystem zu machen. Canon ging hier mit einer integrierten
Diodenmatrix in den Druckköpfen des BJ-10e und CLC-10 den ersten Schritt.
Xerox folgte 1993 mit einem komplett integrierten Serien-Parallelwandler
und Leistungsverstärkern in seinem Druckkopf mit 128 Düsen. Es
ist anders auch kaum vorstellbar, wie die vielen Aktoren des Xerox-Druckkopfes
alle einzeln elektrisch angeschlossen werden sollten.
Funktion
Die
Bildsequenz 7 zeigt schematisch wie eine Bubble-Jet-Düse
schnell fliegende Tropfen erzeugt. Zunächst wird das winzige Heizelement,
von dem fast 50 Tausend auf einem Pfennigstück Platz fänden,
wenige Mikrosekunden bestromt, wodurch es sich augenblicklich auf etwa
500 °C (!) erhitzt. An der Grenzfläche zur Tinte werden dabei
immerhin noch über 300 °C erreicht
[6,7]. Somit
übertrifft ein Bubble-Jet-Heizelement die Flächenheizleistung
der Sonnenoberfläche um das zwanzigfache, weshalb ein nur wenige Mikrosekunden
zu langer Impuls das Heizelement sofort zerstören würde.
Schlagartig beginnt die Tinte über dem Heizelement
in einem feinen Film zu sieden, woraus sich nach 15 µs eine geschlossene
Dampfblase bildet. Dadurch, dass mit der Blasenbildung der Wärmestrom
vom Heizelement zur Tinte fast vollständig unterbrochen wird, hat
das Bubble-Jet-System selbstregelnde Eigenschaften - ein wichtiger Vorteil
dieses Prinzips. Die Dampfblase treibt mit hohem Druck (bis 10 bar) einen
Tintentropfen aus der Düse, wobei Fluggeschwindigkeiten von 10 m/s
und darüber die Regel sind (
Bild 8). Nach maximal
40 µs ist die Blase wieder in sich zusammengefallen (kollabiert),
doch dauert es fast 200 µs, bis neue Tinte durch Kapillarkräfte
nachgesaugt worden ist.
 |
| Bild 8: 10 m/s und mehr Fluggeschwindigkeit erreichen die
Bubble-Jet-Tropfen in wenigen Mikrosekunden |
Edge- und Sideshooter
Bild 9 stellt die zwei Bubble-Jet-Varianten
dar, die es von Beginn an gab. Der Systemerfinder Canon entschied sich
wie Xerox für den Edgeshooter. Fast zeitgleich entwickelte Hewlett-Packard
den Sideshooter
[4,5], den baugleich derzeitig auch
Olivetti herstellt. Tabelle 1 listet einige aktuelle Druckköpfe dieser
vier Hersteller auf:
 |
 |
| Bild 9: Die zwei bekannten Varianten des Bubble-Jet-Prinzips:
Links der Edgeshooter (heute nur noch von Canon hergestellt) und rechts
der Sideshooter (hergestellt von Hewlett Packard, Lexmark, Olivetti und
Xerox) |
| Hersteller / Typen1 |
Farbe |
Düsen |
Auflösung2 |
| Edgeshooter |
| Canon: BJ-200 |
mono |
64 |
360 dpi |
| Canon: BJ-600 |
color |
64 |
360 dpi |
| Canon: CLC-10 |
color |
128 |
400 dpi |
| Canon: BJ-A1 |
color |
256 |
400 dpi |
| Xerox: |
mono |
128 |
300 dpi |
| Sideshooter |
| HP: DeskJet 520 |
mono |
50 |
300 dpi |
| HP: DeskJet 560 C |
color |
48 |
300 dpi |
| HP: DeskJet 1200 C |
color |
104 |
300 dpi |
| Olivetti: JP-350 |
mono |
50 |
300 dpi |
| Tabelle 1: Bubble-Jet-Tintendruckwerke 1)
Fast alle hier aufgeführten Druckwerke, bzw. Drucker tauchen überdies
unter anderer Bezeichnung als Fremdprodukte bei anderen Herstellern auf.
2)
Die hier angegebene Auflösung lässt sich in einem Druckdurchlauf
erzielen. |
Der Edgeshooter spritzt seine Tropfen, wie der Name schon ausdrückt,
um die Ecke, also senkrecht zur Entstehungsrichtung der Blasen aus. Beim
Sideshooter, bei dem sich über den Heizelementen und Tintenkanälen
eine Düsenplatte befindet, bewegen sich Blase und Tropfen gleichgerichtet.
Durch die homogene Düsenplatte gelingt es beim Sideshooter viel einfacher
und sicherer als beim Edgeshooter, definierte Benetzungsverhältnisse
an den Düsenlöchern herzustellen. Beim Edgeshooter dagegen bestehen
die Düsenränder aus den unterschiedlichsten Materialien, die
sich auch erst nach dem Heraussägen aus dem Wafer entnetzend beschichten
lassen.
Auf der anderen Seite benötigt der Sideshooter mehr Düsenfläche,
was insbesondere bei zukünftigen Vieldüsensystemen mit höheren
Auflösungen zu Problemen führen könnte. Außerdem prallt
die Tinte nach dem Kollabieren der Dampfblase mit voller Wucht auf die
Oberfläche des Heizelements, weshalb die Lebensdauer der Sideshooter-Druckköpfe
im allgemeinen geringer ist als die der Edgeshooter. Für alle Bubble-Jet-Systeme
gleichermaßen gelten sehr hohe Anforderungen an die Tinten - viel
höhere als bei Piezosystemen. Wegen der hohen Temperaturen und des
Funktionsprinzips werden bisher fast nur auf Wasserbasis gemischte Lösemitteltinten
eingesetzt.
Vergleich Piezo-Jet - Bubble-Jet
Selbst wenn man nur eine einfache Klasseneinteilung der einigermaßen
erfolgreichen Tintendruckverfahren vornimmt, lassen sich fünf unterschiedliche
Systeme mit piezoelektrischen Wandlern und zwei mit thermischen Wandlern
aufzählen (
Bild 3). Tabelle 2 vergleicht sie
in ihren wesentlichen Merkmalen.
| Parameter: |
Spritzfre-
quenz(1) |
Auflö-
sung |
System-
länge(2) |
Aktor-
länge |
Düsen-
abstand |
Span-
nung |
Energie /
Tropfen |
Herstell-
kosten |
Lebens-
dauer |
| Verfahren |
kHz |
dpi |
mm |
mm |
µm |
V |
µJ |
· |
· |
| Piezoröhrchen |
10 |
240 |
30 |
13 |
353 |
120 |
9 |
sehr hoch |
++ |
| Piezoplanar Edgeshooter |
4 |
360 |
40 |
2,8 |
282 |
150 |
12 |
hoch |
++ |
| Piezoplanar Sideshooter |
20 |
360 |
2 |
1,0 |
282 |
80 |
5 |
hoch |
++ |
| Piezolamellenwandler |
6 |
300 |
30 |
ca. 5 |
282 |
25 |
5 |
hoch |
++ |
| Piezoscherwandler |
5 |
150 |
5 |
5 |
169 |
50 |
· |
mittel |
++ |
| Bubble-Jet-Edgeshooter |
5 |
400 |
0,5 |
0,15 |
64 |
30 |
30 |
niedrig |
+ |
| Bubble-Jet-Sideshooter |
4 |
300 |
0,5 |
0,1 |
169 |
30 |
30 |
niedrig |
o |
Tabelle 2: Vergleich der Tintendruckprinzipien (1) teilweise
Laborwerte (2) Gesamtlänge aus Düse, Kanal und Aktor
Die Werte in den Spalten Aktorgröße und Düsenabstand
machen deutlich, dass es nur beim Bubble-Jet-Design gelingt, Wandler und
Düsen in gleicher Größenordnung herzustellen.
Bild
10 veranschaulicht auf andere Weise eindrucksvoll, welche Welten zwischen
den Wandlerabmessungen von Piezo- und Bubble-Jet-Prinzipien liegen. Bubble-Jet-Heizelemente
sind dabei nicht größer als die Tropfen und Punkte, die sie
erzeugen und mit bloßem Auge gar nicht sichtbar.
 |
| Bild 10: Noch zum Anfassen geeignet, die Piezowandler - mikroskopisch
klein dagegen und etwa genausogroß wie die Punkte am Papier - die
Bubble-Jet-Heizelemente |
Der scheinbare Piezovorteil, lange Lebensdauer zu versprechen,
ist trügerisch. Im rauhen Alltagsbetrieb kann ein Druckkopf schon
einmal beispielsweise durch Papierstau oder Umwelteinflüsse so beschädigt
werden, dass ein Austausch nötig wird. Ein Ersatzpiezodruckkopf kostest
jedoch beinahe soviel wie der ganze Drucker, also zehnmal soviel wie die
der Bubble-Jet-Konkurrenz.
Optimierung der Tintendrucktechnik
Fragt man Kunden und Hersteller, was sie von der zukünftigen Entwicklung
des Tintendrucks erwarten, so erhält man ganz unterschiedliche Antworten:
Kunden interessieren sich für:
-
bessere (Druck)qualität
-
bessere Leistungsmerkmale (z. B. Farbe)
-
höhere Druckgeschwindigkeit
-
niedrige Preise
Die Hersteller wollen dagegen:
-
niedrige Herstellkosten
-
Nutzung eigener Schutzrechte und Know-hows
-
eigene Produkt- und Technologiekontinuität
-
Verfügbarkeit und Sicherheit der Herstellprozesse
-
minimale externe Abhängigkeit
Außerdem ist es "Öffentliches Interesse":
-
Know-how in Deutschland bzw. Europa aufzubauen und zu halten,
-
technologisch Spitze zu sein,
-
hohe Wertschöpfung,
-
beschäftigungswirksame Produktionen und
-
umweltverträgliche Produkte und Produktionsprozesse zu haben.
Heute bekannte Tintendrucktechnologien erfüllen viele dieser Forderungen
nur unzureichend. Wo heute mit 50 Düsen und 300 dpi in schwarzweiß
noch leidlich schnell gedruckt werden kann, sollen morgen in der gleichen
Zeit bei farbigen 600 dpi 16-mal (!) so viele Punkte gedruckt werden können.
1000 Düsen (Aktoren) in einem Tintendrucker müssen in wenigen
Jahren dann eher die Regel als die Ausnahme sein.
Klar, dass das weder mit konservativer Bubble-Jet- und schon gar nicht
mit der Piezotechnik herstell- und vor allem bezahlbar bleibt.
Konsistenz in Design und Herstellung
Es ist deshalb schon in der Entwurfsphase eines neuen Tintendruckkopfes
auf seine Konsistenz in Design und Herstellung zu achten, d. h., dass sowohl
seine Konstruktionselemente als auch die dazu notwendigen Herstellprozesse
zu den geforderten Leistungsmerkmalen passen.
Beim Design ist deshalb folgendes anzustreben:
-
subminiaturisierte Konstruktionselemente
-
(sehr) wenige teuere Teile
-
enge Toleranzen nur in einem Teil
-
integrierte Ansteuerung
-
integrierte Selbstüberwachung
-
geringe Anzahl von Anschlusskontakten
-
umweltfreundliche Materialien
Für die Herstellung ist gefordert:
-
mikromechanische Fertigungsprozesse
-
planare Herstellprozesse
-
(chemo)physikalische Verbindungstechniken
-
möglichst kein Kleben
-
keine spanende Bearbeitung
-
weitgehende Fertigung im Nutzen (z. B. auf Wafern)
-
automatische Fertigung
Tabelle 3 zeigt jedoch, dass es mit der Konsistenz bei den zur Zeit verfügbaren
Tintendruckköpfen nicht weit her ist. Dadurch wird die Fertigung fehleranfällig,
was die Ausbeute senkt und die Kosten nach oben treibt. Mit den konservativen
Techniken wäre es auch viel zu riskant, Druckauflösung und Düsenzahl
noch deutlich weiter zu steigern. Den einzig denkbaren Weg aus diesem Dilemma
bietet die Mikrosystemtechnik.
| Druckkopftyp: |
BJ-Side-
shooter
(DeskJet·1200) |
BJ-Edge-
shooter
(BJ-10) |
BJ-ES +
Ansteuerung.
(Xerox) |
Piezosystem
(Epson
Stylus) |
[Backshooter
Prototyp
(neu1)] |
| Design |
| Subminiaturisierte Konstruktionelemente |
+ |
+ |
++ |
- |
++ |
| Wenig teuere Teile |
+ |
+ |
o |
- |
++ |
| Enge Toleranzen nur in einem Teil |
- - |
- - |
- - |
- - |
+ |
| Integrierte Ansteuerung und Selbstüberwachung |
- |
o |
++ |
- - |
++ |
| Geringe Anzahl von Anschlusskontakten |
o |
o |
++ |
- - |
++ |
| Herstellung |
| Mikromechanische Fertigungsprozesse |
- |
- |
+ |
- - |
++ |
| Planare Herstellprozesse |
++ |
++ |
++ |
- - |
++ |
| Vermeidung von Klebungen |
o |
o |
o |
o |
+ |
| Vermeidung spanender Bearbeitung |
++ |
+ |
- - |
+ |
++ |
| Anteil der Fertigung im Nutzen |
o |
- |
- |
- - |
++ |
Tabelle 3: Herstell- und Designkonsistenz von Tintendruckköpfen
(Erfüllungsgrad: ++ sehr gut, + gut, o zufriedenstellend, - weniger
gut, - - mangelhaft (1 siehe Teil 2)
Zwang zur Mikrosystemtechnik
Mikrosystemtechnik beim Tintendruck bedeutet, die schon
heute bei Bubble-Jet-Chips übliche Fertigung in Dünnfilmtechnik
durch mikromechanische Fertigungsschritte
[3], wie z.
B. das anisotrope Siliziumätzen, und die Integration von elektrischen
Schaltungen zu ergänzen.
Durch die Mikromechanik gelingt es, besser als allein durch Dünnfilmtechnik,
räumliche Strukturen (Düsen, Kanäle) herzustellen. Mit der
Integration von elektronischen Leistungsschaltern, Serien-Parallel-Wandlern
und Sensoren lässt sich zunächst die Zahl der Anschlusskontakte
und damit der Flächenbedarf enorm reduzieren, und dennoch gleichzeitig
die Funktionalität erhöhen. So sind beim Xerox-Kopf, dem weltweit
ersten Mikrosystem-Tintendruckchip mit seinen 128 Düsen statt der
sonst nötigen 140 Kontakte nur noch zehn (!) notwendig.
Kontakte und Leiterbahnen in Bubble-Jet-Tintendruckköpfen beanspruchen
wegen der notwendigen Stromtragfähigkeit von etwa 200 mA viel Platz.
Der Größenvergleich verschiedener Bubble-Jet-Chips in Tabelle
4 zeigt eindrucksvoll, wie sich durch die Mikrosystemtechnik der Flächenbedarf
je Düse und damit die Herstellkosten reduzieren lassen.
| Hersteller - Typ |
Düsen-
zahl |
Siliziumfläche /
mm² |
Mikrosystem-
technik |
Siliziumfläche
je Düse / mm² |
rel. Vergleich
DeskJet |
Hewlett Packard
DeskJet |
50 |
39 |
keine |
0,78 |
100% |
Inkjet Systems
MT98 |
50 |
61 |
keine |
1,22 |
158% |
Canon
BJ-10 |
64 |
32 |
Diodenmatrix |
0,50 |
63% |
Xerox
128 Düsenkopf |
128 |
2 x 271 |
CMOS |
0,42 |
54% |
[Backshooter-
Prototyp2] |
(50) |
20 |
CMOS |
0,36 |
46% |
Tabelle 4: Durch Mikrosystemtechnik lässt sich die
je Düse nötige Chipfläche enorm reduzieren (1
Beim Xerox-Chip besteht auch die Deckplatte mit den anisotrop geätzten
Kanälen aus Silizium, 2 siehe Teil 2)).
Im zweiten Teil dieses Beitrages wird ein in Deutschland entwickelter
Mikrosystem-Tintendruckchip vorgestellt, der keinen der Nachteile bekannter
Bubble-Jet Systeme mehr aufweist.
Zum zweiten Teil
Literatur
-
Heinzl, J.; Hertz, C. H.: Inkjet printing. Advances in electronics and
electron physics, Academic Press, New York, Vol. 65, S.91-171 (1985)
-
Heinzl, J.; Rosenstock, G.: Lautloser Tintendruck für Schreibstationen.
Siemens-Zeitung 51 (1977) S.219-221
-
Heuberger, A. (Hrsg): Mikromechanik. Springer Verlag, Berlin 1991
-
Hewlett-Packard (Hrsg): Diverse Beiträge zum Bubble-Jet-Verfahren.
Hewlett-Packard Journal, Bd.36, No. 5, 1985
-
Hewlett-Packard (Hrsg): Diverse Beiträge zum Bubble-Jet-Verfahren.
Hewlett-Packard Journal, August 1988
-
Pöppel, J.: Sensor- und Aktoreigenschaften von Bubble-Jet-Heizelementen
in Tintenschreibwerken. Dissertation Technische Universität München
(1991)
-
Runge, W.: Berechnungsmodell thermischer Tintenschreibwerke. Dissertation
Technische Universität München, Fortschritt-Berichte VDI Reihe
1, Nr. 219 (1993)
-
Wehl, W.: Akustik und Fluidmechanik in Kanälen und Düsen von
Tintenschreibwerken. Dissertation Technische Universität München
(1984) (Download als PDF-Datei
1,1 MB)
-
Wehl, W.: Farbe macht das Drucken schön. DOS International. 1991,
3, S.120-127
-
Wehl, W.; Bader, G.: Nur nicht kleckern (Tintendrucker:
Von der Fontäne zur Mikrodüse). CHIP 1994, 8, S.104-112
Quellennachweis
Bild 2, 8: Lehrstuhl für Feingerätebau, Technische Universität
München
restliche Bilder: Autor
Interessante Tintendruck-Links
Zum zweiten Teil












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- Letzte Änderung: Dezember 2007